Wechseljahre – anstrengend wie die Pubertät

Auf. Ab. Auf. Ab. Links. Rechts. Ja. Nein. Ich glaube sie sind da, halten mich im Griff und fühlen sich, nicht nur für mich, äußerst anstrengend an. Die Wechseljahre scheinen bei mir angekommen zu sein. Anders als je erwartet…

Ich bin inzwischen 47 Jahre alt. Manchmal fühle ich mich deutlich älter, aber grundsätzlich viel jünger. Weder laufe ich in der ach so üblichen „Altfrauenkleidung“ herum, noch beschäftige ich mich mit altertypischen Hobbys. Ja, ich bin anders. Eigentlich schon immer. Die Pubertät begann bei mir schon mit neun Jahren. Zu früh, und doch der Weg meiner persönlichen Natur. Bis zum Alter von 13 war ich ein normaler Teenie. Was auch immer jeder unter normal versteht. Ab da dachte, lebte und handelte ich bereits wie eine Erwachsene. Pubertät. Was für andere Jugendliche mega anstrengend und verwirrend war, erschien bei mir kaum vorhanden. Und so dachte ich all die Jahre, dass auch die Wechseljahre an mir ohne große Veränderungen vorbeiziehen würden. Heute muss ich mir eingestehen: sie sind nicht an mir vorbeigezogen. Im Gegenteil: sie sind da! Und sie nerven. Mich. Meine Familie. Menschen, die mehr mit mir zutun haben als nur eine Begrüßung.

Was geschieht da nur? Jeder Tag ist eine neue Herausforderung und macht mich langsam, aber sicher selber ganz konfus. Stimmungsschwankungen zum Beispiel. Mal bin ich super gut drauf und könnte die Angeln der Welt enthebeln (würde das eine oder andere Zipperlein nicht ausbremsen). An solch einem Morgen stehe ich auf, bin gut gelaunt und tatkräftig. Pläne schmieden, die liebste Mama und Frau. Positiv gestimmt und aktiv. Bis plötzlich die Angeln der Welt klemmen, ich in depressiver Stimmung versinke, alles in Frage stelle: mich, meine Familie, meine Beziehung, meine Arbeit. Das Leben ansich.

An solch einem Punkt reicht bereits ein falsches Wort von einem Gegenüber, ein Bericht im Fernsehen oder ein vollkommen normaler Film…und ich werde aggressiv oder heule mir die Augen aus. In solchen Momenten kann ich mich noch weniger leiden und würde am liebsten vor mir selbst davonlaufen. Weil ich nie so war. So unausgeglichen. So schwankend in den Gefühlen. So unsicher in Entscheidungen. Bis vor einigen Monaten war ich die sichere, taffe Frau, die gewusst hat, was sie will und das auch durchgezogen hat. Heute fühle ich mich hingegen wie ein Schiff, das auf dem offenen Meer hilflos den Wellen ausgesetzt ist. Mal links. Mal rechts.

Und dieser Zustand betrifft alle Lebensbereiche. Familie fand ich immer toll, nicht umsonst habe ich mich für vier Kinder entschieden. Jetzt gehen mir oft alle auf die nerven, dabei sind alle so wie immer. Nur ich nicht. „Du bist anstrengend, weil du nicht mehr weißt was du willst. Heute so, morgen so. Echt anstrengend!“ Worte, die mir meine Lieben offen sagen. Mal höre ich die Worte nur, mal gehe ich an die Decke. Auch für mich mehr als mühsam. Und ermüdend. Ja, müde. Das bin ich. Egal wie lange ich schlafe. Wobei selbst das Schlafen derzeit so eine Sache für sich ist. Da falle ich todmüde ins Bett…und brauche ewig zum Einschlafen, weil der Kopf nicht stillstehen will. Oder ich wache zigfach auf. Morgens dann, beim Öffnen der Augen, bin ich so erschlagen, dass ich am liebsten im Bett bleiben würde. Eigentlich eine gute Idee: liegen bleiben, die Decke über den Kopf ziehen. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr machen. Aber das geht ja nicht. Die Welt dreht sich weiter und fordert einen auf seine „Pflicht“ zu tun. Da zu sein. Zu machen.

Wechseljahre. Nie hätte ich gedacht, dass sich diese in solch einer Form äußern. Von Stimmungsschwankungen habe ich schon lange gehört. Oder Hitzewallungen. Aber das sich die Jahre des Wechsels zwischen fruchtbar und nicht mehr gebärfähig so zeigen…ich hätte es nicht geglaubt. Aber es ist so. Leider. Und da hilft auch nicht jegliche positive Gedankenwelt. Denn die wird eh innerhalb Minuten oder Stunden wieder in ihre Grenzen verwiesen.

Familie und Partner haben. Schön und wichtig. Doch der gleiche Gedanke wandelt sich in Bruchteilen von Sekunden oftmals in ein „ich will das nicht mehr! Lieber alleine und auch Single sein.“ Nur um im nächsten Moment genau das doch nicht zu wollen. Oder ich weiß halt nicht was ich will. Ja, genau das. Wechseljahre gleich Midlife Crisis?? Nicht wissen ist man alt oder jung. Noch begehrt oder Alteisen. Was ist der Sinn des Lebens und wie soll es weitergehen? Wie fühlt sich echtes Glück an und wie kann man genau das spüren? Wie die einstige innere Ruhe finden? So wie früher…Und nein, Yoga hilft mir derzeit genauso wenig wie auch Meditation oder Think positiv-Mantras.

Und die Menschen um mich herum scheinen mich gar nicht mehr zu verstehen. Oder verstehen zu können oder zu wollen. Blicke, die daran erinnern, dass ich mich wie eine Bekloppte verhalte. Wechseljahre und Depressionen sieht man nun mal nicht. Weil sie tief innen in einem ihr verwirrendes Spiel treiben. Und keiner scheint einen zu verstehen. Was das Gefühl der Einsamkeit oder des Unverstandenseins natürlich noch verstärkt. „Du hast doch alles! Nun sei doch mal wieder normal!“ Tolle Sprüche, die einem gewiss nicht weiterhelfen, sondern alles noch schlimmer machen. Ja, ich habe scheinbar alles. Aber wenn doch alles da wäre, was ich für die innere Zufriedenheit oder zum Glücklichsein bräuchte…dann würde ich mich doch wohl kaum in diesem anhaltenden Zustand befinden.

Bis vor kurzem wollte ich es mir nicht eingestehen. Und anderen schon gar nicht. Ja, die Wechseljahre haben mich im Griff. Ob ich das will oder nicht. Begleitet von Stimmungsschwankungen, Depression, Kopfschmerzen, Müdigkeit, ein körperliches Erschlagensein, Wassereinlagerungen (super, um sich im Körper wenigstens wohlzufühlen)…ja, ich versuche nun nicht mehr heile Welt zu spielen. Denn aktuell ist sie nicht heil. Und wenn andere das nicht verstehen, dann ist das ihr Problem. Und ich will auch nicht in den großen Topf der Pharmazie greifen, um mich mit irgendwelchen Hormonen und Tabletten abzufüllen. Nein. Nein. Nein. Wenigstens da weiß ich was ich will oder nicht. Und bleibe dabei.

Wechseljahre. Midlife Crisis…sie gehören wohl ebenso zum Leben dazu wie einst die Kindheit und die Pubertät. Den Zustand annehmen ist nicht einfach, aber ich arbeite an meiner inneren Einstellung. Ansonsten lasse ich mich durchaus in diesem neuen, unbekannten und anstrengenden Lebenszeitpunkt treiben. Ohne mich weiterhin zu verstellen und so zu tun als wenn die Welt ein bunter Ponyhof der Glückseligkeit wäre. Auch wenn es anderen nicht passt…

Wer von euch steckt ebenfalls in dieser Lebensphase?

Wie geht ihr damit um?

Lasst es mich wissen, denn nur wer selbst diesen Zustand kennt, kann wahrhaftig verstehen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s