Alle Jahre wieder – Stress und Chaos an Weihnachten

Guten Morgen an Heilig Abend,

da du dich auch heute wieder zu unserem Gespräch eingefunden hast, nehme ich an, dass du zu den Menschen gehörst, die sich nicht auf die letzte Minute in das weihnachtliche Städtechaos stürzen. Oder ziehst du nachher doch noch los, um in allerletzter Minute ein Geschenk zu besorgen? Irgendein Geschenk. Hauptsache der Beschenkte oder die Beschenkte hat etwas zum Auspacken. Ob er oder sie dann enttäuscht sind, der Ärger aufschwappt und, wie im letzten Jahr, Weihnachten zum chaotischen Ereignis wird – alles egal, wichtig ist doch das irgendetwas unter dem Baum liegt…

Weihnachten und die Feiertage arten bei den meisten Familien zu einem Konsumwahn aus, der sich zumeist, neben vielen weiteren Aspekten, in einer Wolke aus Streit wiederfindet. Hast du gewusst, dass außer beim Hausbau und im Urlaub gerade zum Fest der Liebe die meisten Beziehungen in Tränen enden? Mich erstaunt das immer wieder. Dabei könnte doch wirklich alles viel entspannter und friedlicher verlaufen, wenn, ja, wenn der Mensch kompromissbereiter und weniger perfektionistisch wäre.

An Weihnachten ist alles anders wie unter dem Jahr. Etwas ganz Besonderes muss auf den Tisch, jeder soll eine saubere, weihnachtlich geschmückte Wohnung sehen können und die Geschenke noch größer, teuerer und schöner sein als im vergangenen Jahr.

Männer, das ganze Jahr taub für die versteckt hervorgebrachten Wünsche der Frauen, ziehen los und kaufen Parfum, Dessous, Bücher und Schmuck, in der Hoffnung sie ist damit zufrieden und wollte genau das unter dem Tannenbaum haben. Und greifen zumeist daneben, was weibliche Wesen dann nicht auf den Weihnachtsbaum, sondern auf die Palme bringt. Frauen, die zwar viel besser zwischen den Worten lesen können, besorgen Hemden, Krawatten, Manschettenknöpfe oder Uhren, um ihrem Liebsten nicht nur eine Freude, sondern durch diese äußerlichen Attribute einen schicken Typ aus ihm zu machen. Das er als Handwerker die meiste Zeit im Blaumann rumläuft, Krawatten ihm das Gefühl des Erstickens vermitteln und die goldene Uhr eigentlich wegen seiner Handyuhr vollkommen unnötig ist – egal, Hauptsache Frau kann ihm eine Überraschung hinlegen.

Schon Tage vor Weihnachten wird diskutiert, was gekocht und wie der Weihnachtsbaum geschmückt werden soll. Auch das Thema Familie schleicht sich als Stressfaktor in die eigentlich besinnliche Zeit. Alleine feiern als Paar oder im Kreise der eigenen kleinen Familie? Geht doch nicht, dann sind Mutti, Vati, Bruder, Schwester und Oma doch enttäuscht und sauer. Also doch alle zusammen. Erzwungener Frieden, dabei wird nur gemeckert. Der eine mag die Gans nicht, weil er doch schon lange Vegetarier ist, der andere ist trotz Weihnachten auf Diät und findet so rein gar nichts, was er sich kalorienarm auf den Teller legen kann. Vati trinkt zu viel von dem teueren Wein, Mutti regt sich darüber auf, der Hund rennt aufgrund der aufgeregten Stimmung hektisch den Weihnachtsbaum um und zum Schluss sitzen alle mit verzerrten Gesichtern da, weil sie ein Geschenk bekommen haben, dass auch in diesem Jahr im Keller oder Schrank landen wird. Und alle Erwartungen an das Fest der Liebe sich nicht erfüllt haben.

Ich frage mich jedes Jahr aufs Neue, warum sich dieses Schauspiel Weihnachten für Weihnachten bei Millionen Familien wiederholt. Wozu all die Hektik, die Diskussionen, die Perfektion, der Streit? Um es allen recht zu machen, besser zu sein wie die anderen, um sich hinzustellen „Schaut, ICH habe mir so viel Mühe gemacht!“ und nun lobt mich doch mal.

Wir machen das nicht mit. Warum? Zum Einen werden kleine oder größere Wünsche unter dem Jahr erfüllt. Wieso warten auf Weihnachten, wenn man doch nie weiß, ob es ein gemeinsames Morgen noch gibt? Auch ein alles in den Räumen, im Garten oder am Haus schmücken ersparen wir uns, lediglich der Weihnachtsbaum steht und der Adventskranz beleuchtet den abendlichen Wohnzimmertisch. Herrlich stressfrei. Geputzt wird jeden Tag, da brauche ich nicht in Hektik zu verfallen und die Fenster auf Hochglanz schrubben oder die Fliesen im Bad zu polieren. Sie sind sauber. Das ganze Jahr, ergo ist ein Weihnachtsputz, der ja anderen zeigen soll, wie toll man doch als Hausfrau und Hausmann ist, vollkommen unnötig. Noch stressfreier zu Heilig Abend und zu den Feiertagen.

Es gibt auch kein ausgefeiltes Weihnachtsmenü für das ich stundenlang in der Küche stehen müsste. Kein zu einem Berg angewachsenen Einkaufswagen vor mir herschieben, keine Diskussionen was denn alles an festlich Essbarem aufgetischt werden soll. Wir feiern Weihnachten friedlich, stressfrei und können so tatsächlich die gemeinsame Zeit genießen.

Bis zum späten Nachmittag ist der Tag heute bei uns gänzlich normal. Jeder geht seinem alltäglichen Tun nach. Ich backe Brot und Kuchen wie immer und gegen Abend kommt als einzige mein lieber Schwiegerdrachen zum Essen. Was es gibt? Ihr werdet lachen: wir werden, angesichts der milden Temperaturen, Grillen. Ein paar wenige Salate, frischgebackenes Brot…alle werden satt und wir haben mehr als genug Zeit um zu Reden, Lachen und die gemeinsamen Stunden zu genießen. Stressfrei, sag ich doch.

Für alle, die das nun gelesen haben und gleich nochmal zum Einkaufen müssen: ich wünsche euch, dass ihr Heilig Abend friedlich und stressfrei erleben könnt. Besinnlich, ruhig, ohne Streit und Hektik. Und vielleicht hilft euch ja der Gedanke, dass (einmal gläubige Aspekte außen vor gelassen) doch grundsätzlich jeder Tag im Jahr ein bisschen Weihnachten sein kann.

In diesem Sinne: Fröhliche, entspannte Weihnachten an alle, die nun Offline gehen!

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s